Samstag, 20. Juni 2026, 08:10 Uhr
von Prof. Dr. Sebastian Seiffert

Das Gewicht des Wegs

Die letzten Jahre waren intensiv. Besonders die letzten Wochen. Ein Dokumentarfilm und eine bundesweite Kinotour kondensierte vieles, was über Jahre prägte. Verantwortung. Verzweiflung. Versuch. Und Verlust. Hierzu nun ein Schlusswort. Auch generell.
Maria Hörhold, Sebastian Seiffert und Nana-Maria Grüning zusammen mit Regisseur Florian Heinzen-Ziob vor dem OFF Broadway Kino in Köln zum Start der bundesweiten Kinotour des Dokumentarfilms „Das Gewicht der Welt“. Foto: Simon Veith.

Ich habe schon mehrfach darüber berichtet, wie ich zum Thema Klima kam. Am Anfang stand eine besondere Vorlesung. Das war im November 2019. Es folgten intensive Jahre. Eine Zeit der Aktivität. Der Anstrengung. Und letztlich der Akzeptanz. Einiges davon wurde begleitet. Durch ein Kamerateam. Und das ist jetzt im Kino zu sehen.

Irgendwann im Mai 2023 erhielt ich eine E-Mail. Ein Filmregisseur aus Köln schrieb, dass er gerade in eine Recherche für ein mögliches Dokumentarfilmprojekt gehe. Er wolle Personen, die naturwissenschaftlich tätig sind und sich an der Schnittstelle von Wissenschaft und Gesellschaft zum Thema Klima engagieren, eine Zeit lang filmisch begleiten. Wir trafen uns und sprachen mehrere Stunden. Ich sagte zu.

Anfangs dachte ich, dass nun eine Begleitung über ein paar Wochen folgen würde. Und am Ende vielleicht ein Film entstehe, der dann mal im Fernsehen läuft – wahrscheinlich auf einem eher randständigen Programmplatz. Was aber daraus wurde, war eine Begleitung über gut zwei Jahre. Und ein Kinofilm. Ein Porträt. Über drei Menschen, die sich engagieren. Ganz verschieden. Und darüber, was das mit ihnen macht. Wie sie Das Gewicht der Welt tragen – und ertragen.

In dieser Zeit ist viel passiert. Gesellschaftlich. Und persönlich. Ich habe hier auf diesem Blog immer wieder Einblicke und Reflexionen dazu veröffentlicht. Wie in einem Tagebuch.

Jetzt läuft der Film bundesweit in Kinos. Zuletzt waren es gut 100 Vorführungen in rund 60 Städten pro Woche. Begleitend dazu waren wir drei Akteure und der Regisseur in den vergangenen Wochen auf Tour. In rund 30 Städten führten wir intensive Filmgespräche, gaben Interviews, und verbrachten viel Zeit miteinander. Wir lernten uns kennen; und verstehen. Eine Rezension beschrieb uns als empathischer Mann, als introvertierte Biologin und als robuste Glaziologin. Ja, irgendwie passt das. Und mein Respekt für die beiden letztgenannten ist nicht in Worte zu fassen. Ebenso wie meine Dankbarkeit an den Regisseur.

Was bleibt davon? Und wie geht es weiter?

Fangen wir mit den Zahlen an. Unsere Kinotour war rege besucht. Highlights waren große Vorstellungen etwa auf dem DOK.fest München, in der Lichtburg Essen und im Cubix Berlin, mit Publikumszahlen von mehreren Hundert, teils fast Tausend. Auch in kleineren Kinos hatten wir stets ausverkaufte Säle, viel Berichterstattung und intensive Gespräche. Unter den Neueinsteigern standen wir auf Platz drei der Programmkinocharts. Und auch für uns selbst war es eine intensive Zeit. Für mich kam vieles wieder hoch.

Zum ersten Mal gesehen hatte ich den Film im Mai 2025, als der Regisseur uns den Rohschnitt in einem Kölner Kino zeigte. Ich war tief bewegt. Und auch erregt. Als Schlussszene kam damals ein Ausschnitt aus einem viel wahrgenommenen Spontanstatement von mir vor. Es war zum Höhepunkt meiner Klima-Verzweiflung in einem großen Mainzer Hörsaal entstanden. Ich fand das im Film zu kurz abgebildet und hatte den innigen Wunsch, dass es mehr Raum bekommt. Der Regisseur meinte, er wolle mal schauen, was er am Ende sinnig machen kann.

Ziemlich genau ein Jahr später saßen wir dann zur ersten öffentlichen Aufführung im selben Kino. Und am Ende fehlte die Szene komplett. Ich war ziemlich angefressen. Erst hatte ich vor, die Tour direkt abzubrechen. Nach innigen Gesprächen unter uns Akteuren und mit dem Regisseur beruhigte ich mich wieder. Und inzwischen sehe ich ein: Er hatte recht. Voll und ganz. Es ist richtig, so wie es ist.

Die vielleicht größte Stärke des Films ist seine Ruhe. Er will nichts aufzeigen, nicht aufrütteln, nicht alarmieren und schon gar nicht anklagen. Stattdessen zeigt er ein „Kluges Porträt“ (TV Hören und Sehen) „über Wissen, Ohnmacht und die Entscheidung zu handeln“ (Sensor Mainz), ist „neugierig, unvoreingenommen, mit emotionalem Tiefgang“ (Kino-Zeit), ein „geduldiger Film mit großer Ruhe“ (Filmdienst), gewiss „kein Wohlfühlfilm, und trotzdem hoffnungsvoll“ (SWR aktuell) – und präsentiert vielleicht genau deshalb am Ende einfach eine „Starke Doku!“ (Brigitte). In einem großen Leitartikel im Feuilleton der FAZ hieß es: „Vielleicht noch spannender als die ganz eigene, ruhige Erzählkunst im Film selbst sind die Reaktionen, die er auslöst.“ Ja, das trifft es gut.

Ich hatte selbst nicht mit der Intensität der Reaktionen gerechnet. In einem Interview, das via Tagesschau erschien, sagte ich: „Das Publikum nach dem Film sieht anders aus als das Publikum vor dem Film.“ Und ja, das zeigte sich jedes Mal. Es brauchte oft einige Minuten nach dem Schlusstitel, um zu sacken. Doch dann folgten stets intensive Gespräche. Viele wollten von uns Anleitung: „Was kann ich tun?“ Und regelrecht spürbar war die Sehnsucht nach Zuversicht: „Wie lässt sich die Hoffnung bewahren?“

Zu diesem Thema habe ich eine lange Reise hinter mir. Teile davon sind hier in diesem Blog dokumentiert. Um es auf den Punkt zu bringen: Ich habe die Hoffnung hinter mir gelassen. Ich habe sie nicht verloren. Sondern sie überwunden. Dies geschah vor allem im vergangenen Jahr, nach Drehschluss des Films. Wenn ich heute den Sebastian im Kinositz mit dem auf der Leinwand vergleiche, dann geht es dem von heute deutlich besser als dem von damals. Akzeptanz befreit.

Viele in den Kinosälen konnten damit indes nichts anfangen. Das Ringen um Hoffnung ist stark. Vielleicht bin ich dafür der falsche Ansprechpartner. Ich kann nur sagen: Wer Hoffnung braucht, soll sie sich bewahren. Mir hilft es, dass ich sie nicht mehr brauche. Ich kann auch ohne Hoffnung handeln. Vielleicht kann ich es sogar jetzt erst wirklich.

Soweit die eine Seite. Die andere ist: In der Breite findet der Film weit weniger Wahrnehmung. Viele Kinos haben kein Interesse daran oder zeigen ihn allenfalls randständig. Oft sitzt nur eine kleine Handvoll Menschen im Saal. Und so sehr er auch das Publikum bewegen mag; am Ende gehen doch wieder alle nach Hause und machen weiter wie bisher. Der Film wird keinen Umbruch anstoßen. Symbolisch wurde das in einer Vorführung im Berliner Planetarium. Dort saßen in den ersten Reihen einige prominente Gesichter der Letzten Generation – sichtlich geknickt. Es waren übrigens die einzigen bekannteren Personen der früheren Klimabewegung, die ich auf unserer gesamten Tour im Kino sah. Ja, ich habe mit dieser Gruppe in Vergangenheit durchaus Differenzen gehabt. Und doch berührt es mich, wie brutal der Verlauf der Dinge gerade für sie sein muss. Weil wir das allesamt auch auf uns selbst abbilden können. Die Geschichte der vergangenen Jahre ist auch eine Geschichte des Scheiterns. Nicht nur im Berliner Planetarium zeigte sich das. Immer wieder gab es Menschen in den Kinos, die den Tränen nahe waren. Und doch auch irgendwie dankbar. Einfach weil es helfen kann zu sehen, dass es anderen ähnlich geht.

Begleitet war unsere Tour von der allgegenwärtigen Entwicklung ringsum. Von einer Gesellschaft im Abbruch. Ja, viele wollen im Grunde schon irgendwie was Gutes. Und sehnen sich nach Vorbildern. Nach einsamen Helden, die nicht aufgeben. Ich kann mich dazu nur wiederholen: „Bitte verlasst euch nicht darauf.“

Nun ist die Kinotour vorbei. Sie endete mit einem für mich ganz besonderen Abend: Im Audimax der TU Clausthal, meiner geliebten Heimatstadt und Alma Mater, wo einst mein Studium und damit mein wissenschaftlicher Weg begann. Und eben dort endet nun auch ein Weg. Ich werde mich fortan aus der öffentlichen Kommunikation zurückziehen. Es ist alles gesagt. Auch stelle ich meine verschiedentlichen Gruppen-Aktivitäten ein. Ich fokussiere mein Handeln nun stattdessen vollständig auf ein Feld, wo ich mein vielleicht noch größtes Wirkpotenzial sehe: eine besondere Wassertechnologie. Mit Hydrogelen wie denen, woran ich seit inzwischen rund zwanzig Jahren forsche, können wir sauberes Wasser aus Wärme gewinnen. Auch die Entwicklung davon wird im Film gezeigt. Lange war ich skeptisch. Doch inzwischen sieht es wirklich gut aus. Es funktioniert. Es scheint umsetzbar. Und es kann wirklich in den Einsatz kommen; dort wo Menschen es jetzt schon dringend brauchen. Und eben das möchte ich jetzt schaffen. Mit meinem vollen Einsatz.

Das Schlussbild des Films zeigt ein Aquarell eines Rotkehlchens, das Nana im Laufe der Geschichte zeichnet. Der Regisseur sagt, dies sei für ihn die Hoffnung. Ich finde, das Bild passt. Weil es so schlicht ist. Frei von Konflikt und Auseinandersetzung. Das Leben ist einfach da. An seinem Platz. Und es ist richtig, so wie es ist.

Kurz zuvor ist Nanas Stimme zu hören: „Unsere Hoffnung kann nur so groß sein, wie unsere Taten. Es geht nicht darum zu gewinnen oder dass alles wieder gut wird. Sondern einfach darum das zu tun, was man kann. Um so viel Leben wie möglich zu bewahren.

Am Ende bleiben mir nur zwei Worte. Sie stammen aus einem Song, mit dem ich auf Instagram oft Posts zu unserem Film untermalte:

We tried.